Lick des Monats April 2016: Rocking Bach

Hier eine (für dieses Video vornotierte) Impro über das Präludium No.1 C-Dur aus dem Wohltemperiertem Klavier, was ich für 5-saitige Geige und Bratsche transskribiert habe.

Jerry Lee Lewis 80

Hier mein Artikel, der eigentlich für die Rheinpfalz vorgesehen war:

Gelebter Rock and Roll

Zum 80. Geburtstag von Jerry Lee Lewis

„Ich weiß, was hier fehlt-hier fehlt ein Killer“: mit diesen Worten schiebt Lebenskünstler Jesse Lujack alias Richard Gere in dem 1983er Kultfilm „Breathless“ eine Jerry-Lee-Lewis-Kassette in den Rekorder seines gestohlenen Porsche 356 auf der rasanten Fahrt nach Los Angeles.

Ähnlich turbulent verlief auch das Leben von Jerry Lee Lewis, dem  Landjungen aus Louisiana, der das von seinen Eltern vom Munde abgesparte Klavier bald für heftige Boogie – Woogie-Übungen „mißbrauchte“.  Diese Musikrichtung verband er mit Techniken früher  Rock ´n´Roll-Pioniere wie z.B. Ike Turner,  mit Country & Western und Gospel und schuf seinen eigenen Stil: ostinate Begleitfiguren in der linken und dampfhammerartige Akzente und Soli in der rechten Hand, Glissandi mit einer Wucht, bei der die Finger eines Konzertpianisten nach wenigen Takten zu bluten anfingen. Dazu kam eine vor allem vom Country-Sänger Hank Williams beeinflusste intonationssichere Gesangsstimme,  deren gutturale Rauheit jede Mutter das Schlimmste um ihre Tochter befürchten ließ. Er war 1956 zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort:  im Sun-Studio in Memphis, hatten kurz zuvor  Johnny Cash und  Elvis Presley ihre ersten Aufnahmen gemacht. Lewis` ersten Hits waren „Crazy arms“, „Whole lotta  shakin´goin´ on“ und natürlich das unsterbliche: „Great balls of fire“. Bald wurde er auch bei der gerade aus der Behäbigkeit der 50er Jahre erwachten Jugend in Europa bekannt. Doch ganz konnte man sich noch nicht von der damaligen Doppelmoral distanzieren: eine zunächst triumphal verlaufende Englandtournee musste 1958 abgebrochen werden, nachdem  seine ihn begleitende Ehefrau sich als minderjährige Cousine entfernten Grades herausstellt hatte, im Süden der USA eine damals durchaus nicht ungewöhnliche Konstellation. Danach musste er auch in Amerika wieder kleinere Brötchen backen und kleinere Clubs bereisen, in denen nicht selten in kollektiver Katharsis die Einrichtung einschließlich des Klaviers zu Bruch ging.

Mit dem Aufkommen der „Beatlemania“ lahmte dann die Karriere des „Killers“, wie er sich auch selbst nannte.  Nichtdestotrotz hielt John Lennon ihn für einen der einflussreichsten Vorbilder, Elton John sieht sich ebenfalls  maßgeblich von ihm inspiriert.

Lewis baute die Country & Western-Schiene  aus und landete Anfang der 70er Jahre einige Hits in den USA. Doch in Deutschland wurde er nur als Rock and Roll-Künstler wertgeschätzt: 1977 erlebte ich schmerzhaft, wie er bei einem Konzert in Bremen ausgebuht wurde und das Konzert abbrach. Das deutsche Publikum duldete kein Country-Geplänkel. Doch der Killer blieb sich treu: auf dem Country & Western Festival 1981 und 1982 in Frankfurt spielte er als vorletzter Programmpunkt vor Johnny Cash  strikten Rock & Roll.

Seine Platte „Live at the Starclub Hamburg “ von 1964 gehört zu den besten zehn Rock-Live-Aufnahmen. Dem Produzenten Siggi Loch, heute Chef des Jazzlabels „Act“,  gelang es, die einzigartige explosive Stimmung und das unglaublich swingende (!) Spiel der Band plastisch auf den Magnetbändern einzufangen.

Auch das Privatleben verlief spannend:  etliche Ehen, der Tod zweier Söhne, Drogen- und Alkoholprobleme. Nach 2000 nahm er noch einige Alben mit  ihn verehrenden Rockkünstlern wie Jimmy Page, Keith Richards, John Fogerty und auch Country-Kollegen  als Gästen auf. Anfang diesen Monats gab er Konzerte in -natürlich- England und Schottland. Im deutschen Fernsehen erschien er vor kurzem noch im Gespräch mit dem selbsternannten „Volks-Rock&Roller“ Andreas Gabalier und schien sich guter Gesundheit zu erfreuen. Das ist  fast ein medizinisches Wunder, und ein gutes Beispiel dafür, wie man bei einem authentischen Lebensstil in Würde altern kann. Danke, Killer!